Januarheft 1970, Merkur # 261

Reflexionen über die Gewalt

von Hannah Arendt
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An Anlässen, sich über das Wesen der Gewalt, ihre Rolle in Geschichte und Politik, Gedanken zu machen, hat es in diesem Jahrhundert, das Lenin bereits vor mehr als fünfzig Jahren als ein Jahrhundert der Kriege und Revolutionen diagnostizierte, nicht gefehlt; und es ist eigentlich erstaunlich, daß erst die Ereignisse der letzten Jahre dies Thema in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit und Diskussion gerückt haben. Der unmittelbare Anlaß war zweifellos die in ihrer Weise einzigartige, weltweite Rebellion an den Universitäten und die Debatten über gewalttätigen oder gewaltlosen Widerstand, die sie von vornherein begleiteten; aber die tiefere Ursache dürfte wohl doch ein Faktor sein, der, von niemandem vorausgesagt, offensichtlich die gesamte Problematik des Verhältnisses von Macht und Gewalt entscheidend verändert hat.

Die technische Entwicklung der Gewaltmittel hat in den letzten Jahrzehnten den Punkt erreicht, an dem sich kein politisches Ziel mehr vorstellen läßt, das ihrem Vernichtungspotential entspräche oder ihren Einsatz in einem bewaffneten Konflikt rechtfertigen könnte. (Mit einiger Verblüffung liest man, daß Engels nach dem Deutsch-Französischen Krieg meinte, »die Waffen [sind nun] so vervollkommnet, daß ein neuer Fortschritt von irgendwelchem umwälzenden Einfluß nicht mehr möglich ist«. Mit einiger Verblüffung liest man, daß Engels nach dem Deutsch-Französischen Krieg meinte, »die Waffen [sind nun] so vervollkommnet, daß ein neuer Fortschritt von irgendwelchem umwälzenden Einfluß nicht mehr möglich ist«. (Vgl. Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, II. Abschnitt, Kap. 2f.) Die weiteren Zitate von Engels stammen, wenn nicht anders vermerkt, aus dieser Schrift.) Damit ist ein wirklicher Wendepunkt eingetreten. Der Krieg − seit undenklichen Zeiten letzte Instanz der Außenpolitik − hat seine Effektivität und das Kriegshandwerk seinen Glanz eingebüßt. Das »apokalyptische Schachspiel« zwischen den Supermächten, den Staaten nämlich, die auf der Höhe der gegenwärtigen Zivilisation stehen, hat keine Ähnlichkeit mehr mit den bisherigen Kriegsspielen; es wird nach der Regel gespielt: »wenn einer siegt, sind beide am Ende«. (Harvey Wheeler, »The Strategic Calculators«, in Nigel Calder: Unless Peace Comes, NewYork 1968; deutsch unter dem Titel »Eskalation der neuen Waffen« 1969 im Desch Verlag erschienen.) Und auch der Wettlauf der Rüstungen hat nicht mehr den Sinn, den Krieg vorzubereiten, sondern im Gegenteil ihn durch wechselseitige Abschreckung zu verhindern. Auf die Frage nach einem Ausweg aus dieser offensichtlich unhaltbaren Position gibt es bisher keine Antwort. Da Gewalt (im Unterschied zu Macht, Kraft oder Stärke) als »reale Vorbedingungen zu ihrer Betätigung... Werkzeuge erfordert« (Engels), hatte die technische Revolution, eine Revolution in der Herstellung von Geräten, besonders weitreichende Folgen auf dem Gebiet der Gewaltbetätigung.

der Kriegsführung. Es liegt im Wesen der Gewalthandlung, daß sie wie alle Herstellungsprozesse im Sinne der Zweck-Mittel-Kategorie verläuft. Wird diese Kategorie auf den Bereich der menschlichen Angelegenheiten angewandt, so hat sich noch immer herausgestellt, daß die Vorrangstellung des Zwecks im Verlauf der Handlung verloren geht; der Zweck, der die Mittel bestimmt, die zu seiner Erreichung notwendig sind und sie daher rechtfertigt, wird von den Mitteln überwältigt. Denn das Resultat menschlichen Handelns läßt sich niemals mit der gleichen Sicherheit voraussagen, mit der das Endprodukt eines Herstellungsprozesses bestimmt werden kann; daher sind die zur Erreichung politischer Ziele eingesetzten Mittel für die Zukunft der Welt zumeist von größerer Bedeutung als die Zwecke, denen sie dienen sollen. Zu diesem Unsicherheitsfaktor, der dem Handeln ohnehin innewohnt, fügt die Gewalthandlung noch ein nur ihr eigentümliches Element des rein Zufälligen hinzu. Napoleon hatte ganz recht, wenn er sagte, seine Generäle müßten »fortune« haben. Nirgend spielt Fortuna, spielen Glück und Pech eine entscheidendere Rolle als auf dem Schlachtfeld. Und dieses Eindringen des gänzlich Unerwarteten wird nicht dadurch beseitigt, daß man versucht, es als »random event« in »wissenschaftliche« Kalkulationen mit einzubeziehen oder es mit Hilfe von Simulationen, Scenarios, Spieltheorien und dergleichen auszuschalten. Es gibt auf diesem Gebiet keine Gewißheit; nicht einmal die gegenseitige totale Vernichtung, auf der die Theorie der wechselseitigen Abschreckung beruht, läßt sich mit absoluter Sicherheit unter im Vorhinein errechneten Voraussetzungen voraussagen. Daß die Vervollkommnung der Gewaltmittel schließlich den Grad erreicht hat, an dem die zur Verfügung stehenden Mittel im Begriff sind, ihr Ziel, nämlich die Kriegsführung, unmöglich zu machen, ist wie eine letzte ironische Reflexion auf die grundsätzliche Willkür und Un-sinnigkeit, der wir überall begegnen, wo wir uns dem Bereich der Gewalt nähern. (Vgl. die Ausführungen von General André Beaufre in dem Sammelband von Nigel Calder. Danach sind nur »in den nicht von der atomaren Abschreckung erfaßten Teilen der Welt« noch Kriege möglich, und auch diese »konventionelle Kriegführung« wird, ungeachtet ihrer Schrecken, de facto limitiert durch die stets drohende Gefahr der Eskalation zum Atomkrieg.)

Wie wir aber dieses Un-sinns Herr werden sollen, wissen wir nicht. Denn wenn Kriege immer noch geführt werden und immer noch gerüstet wird, so nicht, weil die Menschheit von einem geheimen Todes- oder einem unkontrollierbaren Aggressionstrieb besessen wäre, und noch nicht einmal, weil − was immerhin einleuchtender wäre − die Abrüstung der ungeheuren Militärmaschinen in den in Frage stehenden Ländern ernste politische, gesellschaftliche und ökonomische Probleme zur Folge haben würde, sondern einzig und allein, weil bisher nirgends ein annehmbares Surrogat für die Willkür der Gewalt als ultima ratio in den Konflikten der Völker zum Vorschein gekommen ist. (Der anonym erschienene Report from Iron Mountain (deutsch unter dem Titel »Verdammter Friede« bei Scherz, 1968, eine Satire auf die Rand Coporation und andere »think tanks« kommt der Wirklichkeit wahrscheinlich näher als die meisten »ernsthaften« Untersuchungen. Sein Hauptargument: Der Krieg sei für das Funktionieren unserer Gesellschaft so wichtig, daß wir nicht wagen könnten, ihn abzuschaffen, ehe wir nicht noch mörderischere Methoden, mit unseren Problemen fertigzuwerden, erfunden haben.)

Es gilt immer noch Hobbes’ Wort: »Covenants without the sword are but words«.Und unter der Herrschaft des heutigen Staatsbegriffs, den bekanntlich keine Revolution bisher auch nur erschüttert hat, ist selbst eine theoretische Lösung des Kriegsproblems, von der nicht so sehr die Zukunft der Menschheit wie die Frage, ob die Menschheit überhaupt eine Zukunft haben wird, abhängt, auch gar nicht vorstellbar. Solange nationale Unabhängigkeit, die Freiheit von Fremdherrschaft, auf die jedes Volk ein Recht hat, und Staatssouveränität, unkontrollierte und unbegrenzte Macht in außenpolitischen Angelegenheiten, gleichgesetzt werden, ist ein gesicherter Friede so utopisch wie die Quadratur des Kreises. Und wenn Freiheit und Souveränität nicht mehr gleichgesetzt würden, sähen wir uns, wie die Dinge heute liegen, mit einer Staatskrise konfrontiert, die über den gesamten Erdball ginge und von der nur sehr wenige Länder vielleicht verschont blieben. (Theoretisch könnten die Vereinigten Staaten zu diesen wenigen gehören; ihrer Verfassung ist in der Tat, wie Justice James Wilson 1793 feststellte, »der Begriff der Souveränität völlig unbekannt«, was sich schon daran erweist, daß vom Senat gebilligte Verträge mit anderen Nationen laut der Verfassung zum Gesetz des Landes gehören. Aber die Zeiten, da Amerika sich in voller Klarheit von den politischen Kategorien des europäischen Nationalstaats trennte, sind lange vorbei. Die amerikanische Regierung handelt und argumentiert nicht im Sinne der Amerikanischen Revolution und der Founding Fathers, sondern ganz im Sinne des europäischen nationalstaatlichen Denkens, als sei dies schließlich und endlich doch das ihr angestammte Erbe. Und dies ungeachtet der Tatsache, daß sie dies Erbe überhaupt nur hat übernehmen können, weil Europa politisch bankrott war und dieser Bankrott von dem Bankrott des Nationalstaates und seinem Souveränitätsbegriff verursacht und begleitet wurde.)

Inzwischen hat sich herausgestellt, daß die Großmächte kaum noch imstande sind, Kolonialkriege zu führen, so daß das Kriegshandwerk mehr und mehr zu einer Art Luxus wird, den sich nur noch die unterentwickelten Länder leisten können. Das ist kein Trost, denn jedermann weiß, daß das gefürchtete »random event«, das alle Kalkulationen und Intentionen deswechselseitigen Abschreckungsspiels über den Haufen werfen könnte, am ehesten dort auftauchen kann, wo die unter den heutigen Gegebenheiten einfach stupide Redensart des »there is no alternative for victory« immerhin noch einen hohen Grad von Plausibilität hat.

Unter diesen Umständen ist in der Tat das in den letzten Jahrzehnten ständig wachsende Ansehen der wissenschaftsgläubigen »brain trusters«, von denen die Regierungen sich beraten lassen, höchst beunruhigend. Gegen ihre Kaltblütigkeit, »das Undenkbare zu denken«, wäre kaum etwas einzuwenden, wenn man nur sicher sein könnte, daß sie überhaupt denken. Anstatt sich auf ein so altmodisches, von Computern nicht zu übernehmendes Geschäft wie das Denken einzulassen, rechnen sie sich mit Hilfe ihrer Maschinen die Konsequenzen gewisser hypothetisch angenommener Konstellationen aus, ein in den Wissenschaften durchaus berechtigtes Verfahren, weil man nämlich aufgrund solcher Berechnungen die Hypothesen experimentell kontrollieren und verifizieren kann. Dies ist in dem Kriegsspiel keineswegs der Fall; dies Rechnen kommt mit wirklichen Begebenheiten nie in Berührung. Der logische Fehler in diesen hypothetischen Konstruktionen möglicher zukünftiger Ereignisse ist immer der gleiche: Was zuerst − je nach dem intellektuellen Niveau mit oder ohne Berücksichtigung der implizit gegebenen Alternativen − als Hypothese erscheint, wird sehr schnell, oft nach wenigen Abschnitten, zur »Tatsache«, einem Datum, das dann eine ganze Serie ähnlicher Daten gebiert, deren hypothetischer Charakter vergessen ist − und damit der reinspekulative Charakter des ganzen Unternehmens. Natürlich ist das nicht Wissenschaft, sondern Pseudo-Wissenschaft, die darin besteht, »die oberflächlichen Merkmale der Wissenschaften, die ihrerseits einen sinnvollen intellektuellen Gehalt haben, nachzuahmen« (so Noam Chomsky in Amerika und die neuen Mandarine, Suhrkamp 1969). Und der evidenteste und tiefste Einwand gegen diese Sorte strategischer Theorien ist nicht ihr begrenzter Nutzen, sondern ihre Gefährlichkeit; denn sie führen dahin zu meinen, man verstehe Ereignisse und könne ihren Ablauf kontrollieren, die man weder versteht noch kontrolliert. Ereignisse sind dadurch gekennzeichnet, daß sie automatische Prozesse oder zur Gewohnheit gewordene Verfahrensweisen unterbrechen; nur eine Welt, in der sich nichts ereignet, entspräche der Grundprämisse der Futurologen. Zukunftsprognosen projizieren gegenwärtige Prozesse und Verfahrensweisen; sie sagen voraus, was aller Wahrscheinlichkeit nach eintreten wird, wenn Menschen nicht handelnd eingreifen und wenn nichts Unerwartetes geschieht. Jede Handlung und jeder Zwischenfall zerstört mit einem Schlag alle Voraussetzungen, in deren Rahmen die Prognose erfolgt und ihre Indizien zusammenstellt. (Eine gelegentliche Bemerkung Proudhons: »Die Fruchtbarkeit des Unerwarteten übersteigt bei weitem die Weisheit des Staatsmanns«, könnte man mit noch größerem Recht auf die Berechnungen der Experten anwenden.) Solche unerwarteten, unvorausgesehenen und unvorhersagbaren Zwischenfälle als bloße Zufälle oder die »letzten Zuckungen der Vergangenheit« abzutun bzw. die in Engels’ »Rumpelkammer« oder in Trotzkis berähmtem »Abfalleimer der Geschichte« unterzubringen, ist der älteste Trick der zu Propheten gewordenen Historiker; zweifellos helfen solche Kunststücke dabei, in sich widerspruchslose Theorien aufzustellen, doch um den Preis, sie weiter und weiter von der Wirklichkeit zu entfernen. [WS, 25.09.2019] Als Pro-jektionen tatsächlich beobachtbarer gegenwärtiger Prozesse haben sie immereine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich; gefährlich werden sie erst, wenn sieals in sich schlüssige Theorien auftreten, mit deren Hilfe man angeblich wis-sen kann, was wirklich war, ist und sein wird. Dann tritt jene hypnotischeWirkung ein, derzufolge der von den Theoretikern ohnehin so verachtetegesunde Menschenverstand auch ganz untheoretisch veranlagte Menschenverläßt — und mit ihm der common sense, dem wir es verdanken, daß wirWirklichkeit und Tatsächlichkeit wahrnehmen, verstehen und uns handelndin ihnen orientieren können.xKeinem, der dem Wesen der menschlichen Angelegenheiten, das sich in Ge-schichte und Politik manifestiert, nachdenkt, kann die Rolle, welche die Ge-walt seit eh und je in den Beziehungen der Menschen zueinander gespielthat, entgehen; und es ist auf den ersten Blick einigermaßen überraschend,daß sie so selten zum Gegenstand besonderer Untersuchungen gemacht wurde.*?Die Rolle der Gewalt in der Politik galt offenbar als so selbstverständlich, daßman sie noch nicht einmal eigens zu untersuchen oder in Frage zu stellenbrauchte. Diejenigen zudem, die in der Geschichte ohnehin nichts anderes sahenals das schiere Geratewohl oder den Beweis dafür, daß Gott immer mit denstärkeren Bataillonen ist, hatten verständlicherweise über den Gegenstandweiter nichts zu sagen und wandten sich lieber lohnenderen Gebieten zu.Wer aber in der Geschichte nach einer Art Sinn suchte, dem mußte der demgewalttätigen Handeln innewohnende Zufalls- und Willkürcharakter als dereigentliche Stein des Anstoßes in seinem ganzen Unternehmen erscheinen, sodaß er beinahe zwangsläufig dazu kommen mußte, die Gewalt für ein bloßesRandphänomen zu erklären. Ob Clausewitz den Krieg »die Fortsetzung despolitischen Verkehrs mit Einmischung anderer Mittel« nennt, oder ob Engelsdie Gewalt als eine »die gesetzmäßige ökonomische Entwicklung« beschleuni-gende Kraft definiert — der Akzent liegt bei beiden auf der politischen oderwirtschaftlichen Kontinuität, auf der Kontinuität eines Prozesses, der determi-niert bleibt durch Faktoren, die schon vor der gewaltsamen Aktion existierten.Demgemäß war man bis vor kurzem noch der Meinung, auf dem Gebiete derAußenpolitik gelt »die Maxime, daß keine militärische Lösung von Dauer seinkönne, die im Widerspruch zu den tieferen kulturellen Quellen nationaler4a Es gibt natürlich eine reiche Literatur über Krieg und Kriegführung; sie befaßt sich jedochnur mit den Gewaltmitteln, nicht mit der Gewalt als solcher. In der letzten Ausgabe derEncyclopaedia of the Social Sciences wird »violence« nicht einmal eines eigenen Artikelsgewürdigt.

Macht steht«, oder daß, wie Engels sagt, die politische Macht mit ihren Ge-waltmitteln notwendigerweise unterliegen muß, »wo die... innere Staats-gewalt eines Landes in Gegensatz tritt zu seiner ökonomischen Entwicklung«.Nichts von alledem trifft auf die Bedingungen zu, unter denen wir leben.Es ist, als habe sich das Verhältnis von Politik und Krieg, von Macht undGewalt umgekehrt. Die Friedenspolitik, die auf den Zweiten Weltkriegfolgte, war der Kalte Krieg, also die Fortsetzung des Krieges mit anderenMitteln, und ein Atomkrieg kann überhaupt nicht mehr als »Mittel« betrach-tet werden, es sei denn als »das Selbstmordmittel für die ganze Welt« >.Aber wir brauchen uns nicht an die Extreme zu halten, in denen ein paarBomben genügen würden, »alle anderen Machtquellen eines Landes in weni-gen Augenblicken zu vernichten« (Wheeler im Sammelband Calder). Wirwissen von biologischen Kampfmitteln, die es »kleinen Gruppen Einzelnerermöglichen, ... das strategische Gleichgewicht über den Haufen zu werfen«,und die zudem wegen ihrer geringen Herstellungskosten auch für »Länder,die sich eine eigene nukleare Streitmacht nicht leisten können«, erschwing-lich sind (Calder); zudem werden vermutlich »innerhalb weniger Jahre« Ro-boter »den Einsatz von Menschen in Kampfhandlungen überflüssig gemachthaben« (M.W.Thring bei Calder), schließlich beobachten wir bereits heute,um wieviel weniger verwundbar die armen Länder in konventionell ge-führten Kriegen sind als die Großmächte, eben weil sie »unterentwickelt«sind und weil im Guerillakrieg technische Überlegenheit »viel eher eine Be-lastung als ein Vorteil ist« (V. Dedijer bei Calder). All dies läuft auf eine Um-kehrung des Verhältnisses von Macht und Gewalt hinaus; von nun ab kann,wie Engels sagt, die »Staatsgewalt eines Landes in Gegensatz (treten) zu seinerökonomischen Entwicklung«, ohne daß dies »mit dem Sturz der politischen Ge-walt« zu endigen braucht.Zudem zeichnet sich in der Umkehrung von Macht und Gewalt eine ver-mutlich noch entscheidendere Umkehrung des Kräfteverhältnisses zwischenden Staaten ab; die Kleinstaaten oder auch die unterentwickelten Länderbrauchen nicht mehr notwendigerweise den Großmächten und voll entwickel-ten Industriestaaten unterlegen zu sein. Das Quantum an Gewaltmitteln, überdas ein Land verfügt, wird vermutlich in absehbarer Zukunft kein sicheresIndiz seiner Stärke und keine verläßliche Garantie gegen Zerstörung seitenseiner erheblich kleineren und schwächeren Macht mehr bieten. Und dies wie-derum erinnert in bedenklicher Weise an eine der ältesten Einsichten derpolitischen Wissenschaft: daß nämlich Macht und Wohlstand nicht zusam-menfallen; daß wirtschaftliche Potenz und gesellschaftlicher Reichtum viel-mehr ein Staatswesen genauso unterminieren können wie wirtschaftliche Un-5 Andrej D. Sacharow, Wie ich mir die Zukunft vorstelle, Zürich 1968, S. 20. Vgl. auch denReport from Iron Mountain, der den Frieden kurzerhand als die Fortsetzung des Krieges mitanderen Mitteln bezeichnet.

fähigkeit und gesellschaftliches Elend; daß schließlich gerade Republiken fürdie Gefahren des Wohlstandes besonders anfällig sind — Einsichten, dieheute vergessen sind, aber darum nichts von ihrer Gültigkeit eingebüßt ha-ben, zumal nicht in einer Zeit, in der ihre Wahrheit sich in einer neuenDimension, der Dimension der Gewalt, manifestiert.Nun haben die Ereignisse und Debatten der letzten Jahre merkwürdiger-weise gezeigt, daß, je selbstmörderischer sich die Gewalt als letzte Instanzder Außenpolitik erweist, desto höher ihr Ansehen in Fragen der Innen-politik gestiegen ist, vor allem in Sachen der Revolution. Der starke mar-xistische Einschlag in der Rhetorik der Neuen Linken koinzidiert mit einemstetigen Anwachsen der von Mao Tse-tung verkündeten, ganz und gar un-marxistischen Überzeugung: »Die politische Macht kommt aus den Gewehr-läufen.« Natürlich war auch Marx sich der Rolle der Gewalt in der Geschichtebewußt, aber für ihn war sie sekundär; nicht Gewalt, sondern die der altenGesellschaft inhärenten Widersprüche würden ihr ein Ende bereiten und indie Revolution führen. Das Aufkommen einer neuen Gesellschaft werde durchgewaltsame Ausbrüche eingeleitet, nicht jedoch verursacht. Die Gewalt ist dieGeburtshelferin der Geschichte, und sie macht Geschichte oder Revolution sowenig wie die Hebamme das Kind erzeugt oder gebiert. In derselben Weisebetrachtet Marx den Staat als ein Instrument der Gewalt im Dienst der herr-schenden Klasse; doch die wirkliche Macht der herrschenden Klasse beruhtnicht auf deren Gewaltmitteln und verläßt sich nicht auf sie. Sie ist definiertdurch die Rolle, die diese Klasse in der Gesellschaft bzw. dem gesellschaft-lichen Produktionsprozeß spielt.Man hat oft festgestellt, gelegentlich auch bedauert, daß die revolutionäreLinke unter dem Einfluß Marxscher Lehren der Anwendung von Gewalt ab-geschworen hat; die »Diktatur des Proletariats« — die in Marx’ Schriftentatsächlich offen repressiven Charakter trägt — sollte erst nach der Revolu-tion kommen und war wie die Diktatur im alten Rom für eine streng be-fristete Periode gedacht. Politischer Mord — einzelne Akte »individuellenTerrors« von seiten kleiner Anarchistengruppen ausgenommen — war weit-gehend das Prärogativ der Rechten, während der bewaffnete Aufstand undder Staatsstreich den Militärs vorbehalten blieben. Die Linke blieb mitEngels überzeugt, »daß alle Verschwörungen nicht nur nutzlos, sondern sogarschädlich sind. (Die Kommunisten) wissen zu gut, daß Revolutionen nichtabsichtlich und willkürlich gemacht werden, sondern daß sie überall und zujeder Zeit die notwendige Folge von Umständen waren, welche von demWillen und der Leitung einzelner Parteien und ganzer Klassen durchaus un-abhängig sind« ®.Auf dem Felde der politischen Theorie gibt es einige wenige Ausnahmen.® Jacob Barion zitiert diese aus einem Manuskript von 1847 stammende Bemerkung des jungenEngels in seiner Schrift Hegel und die marxistische Staatslehre, Bonn 1968.


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