Juliheft 1989, Merkur # 485

Ich erinnere an Wystan H. Auden

von Hannah Arendt
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Ich bin Auden erst spät in seinem und meinem Leben begegnet, zu einer Zeit also, da die einfache, wissende Vertrautheit einer in jungen Jahren geschlossenen Freundschaft nicht mehr erreichbar ist, weil man zu wenig Lebenszeit hat oder erwartet, welche man miteinander teilen könnte. So waren wir sehr gute, aber nicht intime Freunde. Mehr noch: eine gewisse Reserviertheit bei ihm war dazu angetan, Intimität zu erschweren. Nicht daß ich mich je dagegen aufgelehnt hätte; nein, ich habe sie gerne als notwendig respektiert, als die Verschlossenheit des großen Dichters, der sich früh beigebracht haben mußte, nicht in Prosa unverbindlich und beiläufig über Dinge zu reden, die er viel angemessener in der verdichteten Sprache der Poesie zu sagen vermochte. Schweigsamkeit ist vielleicht die »deformation professionnelle« des Dichters. In Audens Fall schien dies umso eher möglich, als vieles von seinem Werk in äußerster Einfachheit aus dem gesprochenen Wort kam, aus gewissen Idiomen der Alltagssprache − so etwa »Lay your sleeping head, my love, / Human on my faithless arm.« (Anfangszeilen des Gedichts »Lullaby«, in: W. H. Auden, Collected Shorter Poems. 1927−1957. London: Faber & Faber 1966.) Solche Perfektion ist sehr selten. Wir finden sie in einigen der größten Gedichte von Goethe; sie muß auch überwiegend in Puschkins Werk gegeben sein, weil vieles davon bezeichnenderweise nicht übersetzbar ist. In dem Augenblick, in dem Gedichte dieser Art ihrem ursprünglichen Daseinsort entrissen werden, verschwinden sie in einer Wolke der Banalität. Alles hängt hier, wie der Kritiker Clive James im Dezemberheft von Commentary 1973 hervorhob, an den »flüssigen Gesten«, mit denen Tatsachen aus dem Prosaischen ins Poetische gehoben werden. Wo solch flüssiger Ausdruck erreicht wird, stellt sich bei uns auf magische Weise die Überzeugung ein, daß die alltägliche Rede latent poetisch ist, und wenn von den Dichtern unterwiesen, öffnen sich unsere Ohren für die wahren Geheimnisse der Sprache. Es war eben diese Unübersetzbarkeit eines der Gedichte von Auden, die mich vor vielen Jahren von seiner Größe überzeugte. Drei deutsche Übersetzer hatten ihr Glück versucht und eines meiner liebsten Gedichte, nämlich »If I could tell you«, gnadenlos vernichtet. (Übersetzungen von Hans Egon Holthusen, Kurt Hoffmann und Georg von der Vring in W. H. Auden, Gedichte / Poems. Wien: Europaverlag 1973.) Dieses Gedicht lebt aus zwei Redewendungen des alltäglichen Sprachgebrauchs: »time will tell«, die Zeit wird erzählen, erklären, was war, und »I told you so«, ich hab’s dir (doch) gesagt.

»Time will say nothing but I told you so, Time only knows the price we have to pay; If I could tell you I would let you know. If we should weep when clowns put on their show, If we should stumble when musicians play, Time will say nothing but I told you so. The winds must come from somewhere when they blow, There must be reasons why the leaves decay; Time will say nothing but I told you so. Suppose the lions all get up and go, And all the brooks and soldiers run away; Will Time say nothing but I told you so? If I could tell you I would let you know.«

Ich bin Auden im Herbst 1958 begegnet, hatte ihn aber vorher, in den späten vierziger Jahren, schon einmal auf einer Party eines Verlegers gesehen. Obwohl wir bei jener Gelegenheit nicht ein einziges Wort wechselten, blieb er mir sehr wohl im Gedächtnis, der gut aussehende, bestens gekleidete, sehr englische, der freundliche und ausgeglichene »gentleman«. Zehn Jahre später erkannte ich ihn nicht wieder; denn nun war sein Gesicht so von jenen berühmten, tiefen Falten durchzogen, als wenn das Leben selbst eine Art Gesichtslandschaft gezeichnet hätte, um »die unsichtbaren Stürme des Herzens« offenkundig zu machen. Wenn man auf ihn hörte, gab es nichts, was trügerischer hätte sein können als dieses Aussehen. Immer wieder, wenn er allem Anschein nach nicht mehr kämpfen konnte, wenn seine schmutzige, heruntergekommene Wohnung so kalt war, daß die Wasserleitung nicht mehr funktionierte und er die Toilette in der Spirituosenhandlung an der Ecke benutzen mußte, wenn sein Anzug (niemand konnte ihn davon überzeugen, daß ein Mann mindestens zwei Anzüge braucht, damit einer gereinigt, oder zwei Paar Schuhe, damit eines repariert werden kann − dies Thema einer sich endlosüber die Jahre hinziehenden Debatte zwischen uns) fleckig oder so abgetragen war, daß seine Hosen plötzlich von oben bis unten aufreißen konnten − kurz, wann immer Unheil sich direkt vor deinen Augen ereignete, begann er gewöhnlich, eine in hohem Maße idiosynkratische Variation von »count your blessings« mehr oder weniger feierlich anzustimmen: Du mußt an das denken, womit du gesegnet bist.


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